Das Ruhrgebiet: Buden, Bier und Fußball

Geh mit Heidi im Herzen von NRW auf Tour. Auf der Spur von Buden, Bier und Fußball im Ruhrgebiet.

 

Wieso bin ich eigentlich aus dem Ruhrgebiet wieder in den Norden gezogen? Bei so viel Kultur und Geschichte… *kopfschüttel* 😉

Bei mir geht es heute um Buden, Bier und Fußball – also um die Kultur im Ruhrgebiet. 😉 Es gehört natürlich noch eine ganze Menge mehr dazu. Vor allem die Eisen- und Stahlproduktion, auch die lasse ich nicht ganz außen vor. Auf geht’s!

Trinkhallen-Tour

“Ich geh ma eben anne Bude!”, so verabschiedet sich noch heute der Nachbar, wenn er zur Trinkhalle nebenan geht. Längst aber nicht mehr so häufig wie früher.

Wieso gibt es eigentlich Trinkhallen? Wasser ist lebenswichtig, und deshalb sind Trinkhallen entstanden. Die Trinkhallen wurden an wichtigen Knotenpunkten oder in der Nähe von Werkstoren errichtet, um an die Menschen trinkbares Wasser zu verteilen. 1906 entstand in der Stadt Duisburg die erste Trinkhalle, betrieben vom Mineralwasserhersteller Küpper. Eine der ersten Hallen steht noch heute. Sie steht am Altmarkt in Hamborn, gesehen habe ich sie aber leider nicht.  Ich war in Dortmund und Bochum unterwegs.

Wer hat nun die schönste Trinkhalle, Bochum oder Dortmund? Diese Frage kann ich nicht beantworten. Warum? Ein Blick (und Klick) auf die Karte mit den registrierten Buden zum „Tag der Trinkhallen“ am 20. August 2016 sagt schon einiges aus: alle Buden kann ich an einem Tag gar nicht besuchen. Und ganz klar ist ohnehin: es geht hier auch überhaupt nicht um Schönheit. Es geht um Urgesteine aus dem Pott, um Menschen aus allen Schichten und um soziale Kontakte. Die Bude ist ein Treffpunkt. Ein Dorfplatz mitten in der Stadt. Es geht um Erinnerungen, zum Beispiel an die Gemischten Tüte – davon haben viele berichtet. Sie gibt es heute noch genauso wie früher.

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Was auch schon immer so war: es treffen sich an der Bude junge und alte Menschen zugleich, wie hier am He Bo Mini-Markt in Bochum Ehrenfeld.

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Nur so richtig viele Urgesteine aus dem Ruhrgebiet betreiben die Trinkhallen nicht mehr. Viele der Buden sind von Migranten übernommen worden. Die ganz alten Geschichten gehen damit natürlich verloren. Es kommen aber immer neue hinzu. Potenzial für neue alte Geschichten hat bestimmt auch die Bude “Zwischenstopp” von Jean-Philip im Kreuzviertel in Dortmund.

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Heute zählt vor allem die Lage der Trinkhallen, um zu überleben. Strategisch gut liegen sie, wenn im Stadtviertel rund herum keine Einkaufsmöglichkeit ist. Außerdem, wenn sie in der Nähe einer U-Bahn-Station stehen. Oder einfach mal direkt neben einer Kneipe. Ehrlich neben einer Kneipe? Klar, denn vor und nach einem Heimspiel (hier von Dortmund) wird dort ordentlich eingekauft.

In der Trinkhalle Ehrenfelder Feierabendladen in Bochum fand ich es besonders urig. Eine Mischung aus Second-Hand-Laden und Kiosk (sogar mit DHL-Annahme) – und liebenswertem Urgestein aus Bochum.

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Die Buden haben es heute lang nicht mehr so einfach, wie früher, viele haben geschlossen und verfallen. Die lang geöffneten Supermärkte oder die Tankstellen mit Mini-Markt sind Gründe dafür. Also ran an die Bude, es war noch nie so einfach Kultur zu erhalten und zu unterstützen. Ich habe auch gleich mal einen Snack besorgt. 🙂

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Den Schokoriegel gibt es an jedem Kiosk, aber dennoch ist das Sortiment unterschiedlich. Das kann auch mal an dem vorhandenen Platz liegen. Dieser Kiosk “Büdchen am Eck” in Bochum ist einen Besuch wert. Warum? Erstens hat der Besitzer eine schöne Lebensgeschichte, die er dir gerne erzählt, und zweitens ist die Bude nur 4 qm klein und versorgt die Menschen dennoch mit dem Notwendigsten.

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Was ist das Besondere an der Trinkhalle auf dem nächsten Foto? Na, wer ist der Kenner unter euch? Ungewöhnlich ist, das diese Bude einen Geldautomaten hat. Ein ziemlicher Vorteil gegenüber dem Wettbewerb, finde ich. Und es zeigt, dass die Besitzer sich einiges einfallen lassen und nicht stehen bleiben. Den Kiosk von Kamil Koc findest du in Hombruch, In der Meile 2 – schon seit 1997 in Familienbesitz!

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Zu Fuß habe ich einige der Buden in Bochum besucht. Der Bochumer Schauspieler und Theaterkünstler Giampiero Piria hat uns mit auf seine Führung durch Bochum mit seinen Straßen und Buden genommen.

Es geht aber auch mit dem Auto. Die Buden werden nicht nur am Tag der Trinkhallen am 20. August geehrt. Es gibt vom 23. bis 25. September 2016 die aller erste Budentour mit Old- und Youngtimern. Eine Kultfahrt mit speziellem Charakter. Ich durfte mich schon in einem der teilnehmenden Mercedes Benz-Oldtimer von Bochum nach Dortmund chauffieren lassen. Mit dabei: der träumende Wackel-Dackel auf der Hutablage. 🙂

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Den Tag der Trinkhallen finde ich eine sehr schöne Idee. Für eine Trinkhallen-Tour muss du aber gar nicht bis August warten. Schnapp dir ein paar Freunde und plant zusammen euren eigenen, ganz persönlichen Weg. Mach es wie die Urgesteine und nutze einen der grauen Stromverteilungskästen als Stehtisch, genieß dein Bierchen oder deine gemischte Tüte. Die Kultur holst du dir dann im August ab. Aber nicht zu nah an der Trinkhalle das Bier genießen. Die Trinkhallen haben keine Schankgenehmigung. Daher lautet das Motto: Bier kaufen,  ein paar Meter gehen, dann trinken. 🙂

Es gibt einige Trinkhallen, die schon zu einem Café/Bar mutiert sind – dann auch mit Schankgenehmigung. Da gibt es mancherorts eine erstaunliche Auswahl an verschiedenen Biersorten. Zu testen gibt es die z. B. in der Trinkhalle Ruhrgebeat in Bochum, Herner Str. 8.

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Bier-Tasting

Fest steht : das Bier gehört mit zum Ruhrgebiet, es gehört zu den Buden. Bier ist aber nicht gleich Bier. Wieso, weshalb, warum – das lässt du dir in einem professionellen Bier-Tasting zeigen. So wie ich es erleben durfte. Am besten natürlich nicht allein, denn jeder hat einen anderen Geschmack und es macht unheimlich Spaß darüber zu philosophieren, welches denn nun das leckerste ist. Du kannst eine Bier-Verkostung in der lokalmanufaktur in Dortmund machen. Dann kann dich ein solcher Tisch erwarten.lokalmanufaktur-dortmund-bier-tasting

Jenny von der lokalmanufaktur hat uns gezeigt, wie vielseitig das Getränk Bier ist. Sie ist ausgebildete Bierbotschafterin und kennt sich sehr gut aus.

Die Welt der Biere ist vielseitig, das hat mich ganz schön überrascht. Natürlich darf bei einem Bier-Tasting das gut gekühlte, prickelnde Pils und auch das dunkle Bier nicht fehlen.

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Ich habe aber noch weitere Sorten getestet und viel gelernt. Zum Beispiel, was es bedeutet ein Bier zu stacheln.DSC01744

Dabei wird eine Eisen-Kugel stark erhitzt und anschließend in dem mit Bier gefüllten Kelch geschwenkt. Der noch verbliebene Rest-Zucker im Bier karamelisiert dadurch. Das Bier bleibt recht kühl. Der Bierschaum wird mit der Kugel höher gezogen. Er dampft und schmeckt durch den karamalisierten Zucker lecker süß. Jetzt ist das Bier süffig. Mir hat das Bier dadurch noch besser geschmeckt. Aber vorsicht, es ist auch etwas mehr Alkohol drin. 😉

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Von heiß zu kalt: wer sich fragt, ob gefrorenes Bier nach dem Auftauen noch trinkbar ist? Der kauft sich einen Bierkanter, füllt Bier hinein und friert das Bier so lange bis das Bier noch ein wenig flüssig ist und das Wasser gefroren. Dann warten, bis das beinahe gefrorene Bier herausläuft. Es kommt in konzentrierter Flüssigkeit heraus und schmeckt daher intensiver und hat mehr Volumenprozent Alkohol in sich. Angeblich ist diese Art des Bieres durch den Fehler eines Lehrlings entstanden. Er soll Bockbier in Eiseskälte draußen stehen gelassen haben. Der Meister dachte sein Bier wäre verdorben und der Lehrling musste den flüssig gebliebenen Teil trinken. Da sag doch mal jemand aus Fehlern lernt man nicht. 😉

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Neben dem Bier gab es selbstverständlich ein passendes Menü. Alles richtig lecker und der Schoko-Törtchen-Nachtisch hat es auf ein Foto geschafft. Und ja, es schmeckt so gut, wie es aussieht. 🙂

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Fußballmuseum

Buden, Bier und jetzt fehlt doch noch Fußball. Das Ruhrgebiet hat durch die Dichte an Städten auch viele Fußball-Vereine. Mit Herz und Seele hängen die Menschen an ihrem Verein. Und da Fußball zum Ruhrgebiet gehört, passt auch das Deutsche Fußballmuseum perfekt in eines der Städte dort, nämlich Dortmund. Das Fußballmuseum liegt direkt gegenüber des Hauptbahnhofs.

Worum geht es aber im Fußballmuseum? Um die Nationalmannschaft, die der Männer und der Frauen und selbstverständlich um die Vereine in ganz Deutschland. Es gibt Menschen, die haben schon sechs Stunden darin verbracht. Ich würde sagen, mindestens zwei Stunden musst du einplanen. Es gibt viel zu entdecken.

Wie hat Klaus Fischer 1977 nur das Tor des Jahres geschossen? Die Mädels aus einer Grundschule konnten das hier nachspielen. Ziemlich sportlich.

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Und ich war Schiedsrichterin – leider war ich nicht ganz perfekt und ich gebe zu: bei mir war mehr Bauchgefühl im Spiel, als es hoffentlich bei den Schiris der Fall ist. 😀

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Hier zeigt Malte, der Kurator des Fußballmuseums, was es liebevolles als Prämie für die deutschen Frauen-EM-Meister 1989: ein Kaffee-Service. Das lasse ich mal ohne Kommentar stehen. Als Kurator stöbert Malte nach neuen Ausstellungsstücken und hat zu vielen Objekten eine schöne Geschichte parat.

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Im Fußballmuseum werden zwei Filme gezeigt. Die haben sogar mich berührt. Dabei zähle ich mich nicht zu den Fußball-Intensiv-Anhängern, sondern zu den Ab-und-zu-Guckern. Selbst die sonst quirligen Kinder haben staunend in dem dunklen Raum gestanden.

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Was die Kinder heute wohl erstaunen wird, und auch mich: Die Weltmeister von 1954 haben auf der Straße Fußball gespielt. Das allein ist nicht erstaunlich aber: als Tor hat damals der Gulli auf der Straße hergehalten. Auf dem Bild ist wirklich ein echter, riesiger Gulli mit einer großen Öffnung für einen kleinen Ball. Mit der Hand konnt der Ball nach dem Torschuss ganz einfach wieder hochgeholt werden. Sowas gibt es heute gar nicht mehr. Abgesehen davon werden die Fußball-Cracks von heute früh gefördert und in Internaten trainiert.

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Museum in Hattingen

Zurück in der Geschichte geht es auch im Museum in Hattingen. Schwarze Kohle, die deine Kleidung mit Ruß durchzieht, Hitze aus den Kohleöfen, heißer Eisen und Stahl – so war das Leben der Kumpel bis 1987 in der Henrichshütte in Hattingen. Wie die Arbeit war und wie produziert wurde – darum geht es sonst immer, aber dieses Mal nicht nur. Für dich bin ich mit auf eine etwas andere Tour gegangen, nämlich auf den Spuren der damaligen Trink-Kultur. Dazu gehörte natürlich Wasser, Kaffee, Tee, Bier und Milch.

lwl-museum-henrichshuette-hattingenDie originale Trinkhalle von Emmy Olschewski gibt es in der Ausstellung zu bestaunen. Was machte Emmy so besonders? Sie steht stellvertretend dafür, wie, warum und von wem viele der Buden betrieben wurden. Ich verrate nicht zu viel, schau es dir einfach an. Bis 26. März 2017 ist die Ausstellung im LWL-Industriemuseum Henrichshütte Hattingen noch so zu sehen.

Die Flaschen auf diesem Bild stammen von dem Wasserproduzenten Küpper. Wie ganz zu Beginn berichtet, hat die Firma die ersten Trinkhallen in Duisburg betrieben.

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Die Ausstellung ist nicht so interaktiv, soll sie wahrscheinlich auch nicht. Es ist mir nur aufgefallen, da ich direkt nach dem Besuch im Fußballmuseum die Ausstellung besucht habe. Das Fußballmuseum war sehr interaktiv und modern, da hat eine Ausstellung keine Chance. Für Erwachsene ist sie sicher interessanter als für Kinder. Dafür ist die Henrichshütte selbst eher für Kinder geeignet, wenn sie auf den Spuren der blauen Ratte die Arbeit in der Hütte verstehen lernen.

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Wer in Hattingen hoch hinaus möchte, der begibt sich in den Fahrstuhl der Hütte und fährt im ältesten, erhaltenen Hochofen im Ruhrgebiet auf über 30 Meter Höhe. Von dort hast du einen Überblick über das Gelände und die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Gebäuden werden deutlich. Aber längst ist nichts mehr alles auf dem Gelände. Schon früh wurde ohnehin ein Großteil der Hütte nach China verkauft.

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Das Areal ist heute sinnvoll genutzt. Neue Industrie hat sich angesiedelt. Aud die Natur hat sich mittlerweile einiges zurück geholt. Eine Turmfalken-Familie hat zum Beispiel auf dem riesigen Turm der Hütte ihr zu Hause gefunden. Ich habe sie gehört, aber leider nicht gesehen.

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Ein letzter Blick nach unten auf den aus Stahl und Stein errichteten Gebäudekomplex und dann zurück auf den sicheren Boden.

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Dies ist ein kleiner Einblick in die Kultur im Ruhrgebiet. Buden, Bier und Fußball – spannend, lehrreich und interaktiv.

Was kannst du im Ruhrgebiet empfehlen? Oder hast du sogar eine Lieblingsbude?

 

Diese Bloggerreise wurde von der Ruhr Tourismus GmbH im Rahmen des Tages der Trinkhallen am 20. August organisiert. Der Bericht über meine Erlebnisse ist davon unberührt und spiegelt meine eigene Meinung wieder.

Heidi

Heidi

Heidi lebt im Norden Deutschlands. In ihrer Freizeit steht sie gern auf dem Wakeboard oder geht zum Yoga. Auf Zauberhaftes Anderswo schreibt sie regelmäßig Gastbeiträge über ihre Reisen.
Heidi

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