Eine Tour auf den höchsten Vulkan Balis – den Gunung Agung

Es war das gefährlichste, abenteuerlichste, bescheuertste… was ich je in meinem Leben gemacht habe: eine nächtliche Tour auf den größten Vulkan Balis, mit dem Ziel von der Spitze des Vulkans aus den Sonnenaufgang zu beobachten.

Aber fangen wir mal von vorne an:
Unsere Unterkunft auf Bali lag direkt am Fuß des Gunung Agung. Dieser ist mit seinen 3.142 Metern Höhe der größte Vulkan der Insel. 1963 ist er das letzte Mal ausgebrochen. Damals kamen über 1.100 Menschen ums Leben. Von einem der Türme von Joe’s Diving hatten wir morgens immer einen fantastischen Blick auf diesen beeindruckenden Berg, der das Bild von Ost-Bali prägt, wie kein anderer.

AgungEs dauerte nicht lange bis wir uns folgende Fragen stellten: Kann man da hoch? Sieht man im Krater noch Lava? Hat man von dort aus nicht einen wunderbaren Blick auf die Insel?
Die ersten Antworten lauteten: Der Blick soll super sein, aber es ist noch viel zu nass – da findet sich kein Guide, der euch zum Gipfel bringt (in der Regenzeit sind die Touren zum Agung generell verboten und auch wenn wir in der Trockenzeit da waren, hat es nachts regelmäßig geregnet). Ob im Krater tatsächlich Lava zu sehen sei, konnte uns keiner so genau sagen.
Als sich nach beharrlichem Weiterfragen heraus stellte, dass Touren doch möglich sind, gab es für uns kein Halten mehr. Einer unser balinesischen Fahrer hatte es tatsächlich geschafft uns einen Guide zu organisieren. Der grobe Plan lautete: Mitternacht Abfahrt am Hotel, ca. 1,5 Stunden Fahrt bis zum Ausgangspunkt der Tour und ab da ca. 4 Stunden Aufstieg – für geübte Bergsteiger.
Eines an dieser Stelle vorweg: wir sind zwar recht sportlich, aber alles andere als geübte Bergsteiger. Ehrlicherweise würde es „Flachlandindianer“ vermutlich besser treffen. Zu dem Zeitpunkt dachte ich allerdings noch, dass der Aufstieg zum Agung einer Bergwanderung in den Alpen ähneln würde – wenn die das mit normalen Touris wie uns machen, kann der Aufstieg ja nicht soooo schlimm sein. Ich rechnete also mit ein paar Stunden anstrengendem Aufstieg und anschließendem – recht sanft – ansteigendem, serpentinenartigen Weg zum Krater. Hätte ich nur gewusst, worauf ich mich da einlasse…

Wie auch immer… Wir hatten also spontan um 18 Uhr die Tour gebucht, sind noch schnell in den örtlichen Mini-Supermarkt gegangen, um uns mit Proviant einzudecken und dann um 20 Uhr erstmal direkt ins Bett gefallen. Ab dann verlief die Tour wie folgt:

23:30 Uhr
Aufstehen.

24:00 Uhr
Abfahrt am Hotel.

1:30 Uhr
Ankunft auf ca. 1.500 Höhenmetern, unterhalb des Tempels Pura Pasar Agung, wo wir unseren Guide kennen lernen. Der hat Gummistiefel an und versichert uns nochmal kurz: „4 hours – slowly, slowly – at 6:20 sunrise – no problem.“ Wir sind also frohen Mutes. Das wird ne super Tour. Bestimmt anstrengend – aber wir schaffen das!

1:50 Uhr
Nach den ca. 300 Stufen bis zum Tempel erinnert unser Schnaufen das erste Mal an Walrösser. Zum Glück betet unser Guide erstmal für einen sicheren Aufstieg – dies lässt uns Zeit zum Luft holen. (Erwähnte ich schon, dass wir Flachlandindianer sind? Glaubt mir – es wird noch schlimmer…)

2:50 Uhr
Wir sind seit knapp einer Stunde durch den balinesischen Dschungel steil und schnurgerade nach oben gelaufen und geklettert. Der Untergrund ist feucht und rutschig. Es ist stockduster und im Schein unserer Lampen können wir nur für die nächsten paar Schritte sehen, wo es lang geht. Das Blut rauscht in meinen Ohren – ich kann meinen Pulsschlag hören. Ich bin ziemlich fertig – denke aber optimistisch, dass es bald besser wird. Wir mussten bereits zwei kurze Pausen einlegen, um wieder zu Atem zu kommen. Unser Guide ist immer noch frohen Mutes und ich glaube fest daran: Wenn wir nur erst die Baumgrenze erreicht haben, wird der Weg bestimmt besser. Tschakka.

3:50 Uhr
Wer hatte eigentlich diese bekloppte Idee auf den Vulkan zu steigen und das auch noch mitten in der Nacht? Ich bin todmüde und jetzt schon völlig fertig. Der Weg durch den Dschungel will einfach nicht enden, die Baumgrenze scheint noch meilenweit entfernt – aber da es immer noch stockduster ist, ist dies schwer zu sagen. So langsam überholen uns andere Reisegruppen von hinten. Die Hälfte der Strecke ist geschafft, hoffentlich werden wir wenigstens mit einem schönen Ausblick bei Sonnenaufgang belohnt.

4:20 Uhr
Wir sind endlich oberhalb der Baumgrenze angekommen. Was uns hier erwartet entspricht leider nicht ansatzweise meinen Erwartungen. Wir klettern auf dem blanken Felsen direkt in Richtung Vulkankrater. Ja – wir klettern, das ist kein wandern mehr. Ich bin froh, dass wir einen Indoor-Kletterkurs gemacht haben, denn diesen kann ich hier gut gebrauchen – nur leider machen wir das hier ohne Seil, bei starkem Wind und mit der Aussicht auf freien Fall.
Immer öfter müssen wir pausieren, um wieder zu Atem zu kommen.
Während einer dieser Pausen, fängt unser Guide plötzlich an zu beten. Er liegt einfach neben uns – so weit wie möglich an den Felsen gekauert, um dem eisigen Wind zu entgehen – und singt vor sich her. Nach 10 Minuten steht er auf, klopft meinen Freund auf die Schulter und sagt „Now you strong again.“ Aha. Gut zu wissen.

4:50 Uhr
In mir macht sich immer mehr ein einziges Gefühl breit: Angst. Für Flachlandindianer wie uns, ist das hier einfach nur noch Wahnsinn. Was tun wir hier eigentlich? Mitten in der Nacht freies Klettern an einem balinesischen Vulkan, im Schein einer kleinen Taschenlampe…Wir müssen komplett bescheuert sein.
Je höher wir klettern, desto stärker bläst uns auch noch der Wind um die Ohren. Ich klammer mich an den Felsen, so sehr es geht. Immer öfter beschleicht mich der Gedanke: wir könnten doch einfach genau dort bleiben wo wir sind – bestimmt hat man auch von hier aus einen tollen Blick auf die Insel. Aber eigentlich wollen wir uns auch nicht die Blöße geben jetzt abzubrechen.

5:30 Uhr
Es ist soweit: ich will nicht mehr, ich kann nicht mehr. Ich möchte abbrechen. Jetzt und hier. Unser Guide steht flehend vor mit „only 10 more minutes“ – das hat er vor 10 Minuten schon mal gesagt. Ich leuchte mit meiner Lampe zum Krater hoch und sehe, wie die anderen Kletterer vor uns am Felsen hochkraxeln. Das traue ich mir nicht zu. Das ist zu gefährlich. Ich habe Angst. Ich bin müde. Ich will nach Hause. Ich könnte heulen.
Wir legen noch einmal eine kleine Pause ein. Ich weiß, ich würde es bereuen, wenn ich jetzt aufgebe, also nehme ich all meinen Mut zusammen und wir gehen weiter.

5:50 Uhr
Wir haben nicht mehr daran geglaubt – und die Kletterer, die uns auf dem Weg nach oben überholten sicherlich auch nicht mehr – aber: wir haben’s geschafft. Wir sind oben am Krater des Gunung Agung angekommen – und haben überlebt. So langsam können wir am Himmel erkennen, dass es heller wird. Aber erstmal setzen wir uns hin, versuchen uns so gut es geht vorm Wind zu schützen und trinken eine heiße Tasse Tee/ Kaffee.

6:20 Uhr
Sonnenaufgang. Es ist so weit. Von unserer Position aus sehen wir die Sonne am Horizont aufgehen. Wir sehen den Gipfel des Vulkans Gunung Rinjani der Nachbarinsel Lombok und dahinter den glutroten Feuerball.
Aber, seht einfach selbst:

Denpasar bei Nacht:nächtliche Aussicht Denpasar bei NachtSonnenaufgangSonnenaufgang 1 Sonnennaufgang 2 Sonnenaufgang 3Wir mit unserem Guide. Völlig fertig – aber glücklich.Wir auf dem GipfelIm Krater des Agung ist übrigens keine Lava zu sehen.
Dennoch ist der Blick hinunter sehr faszinierend:
Im Krater des Agung ist übrigens leider keine Lava zu sehen.

7:00 Uhr
Unser Guide spricht noch ein kurzes Gebet am kleinen Tempel des Vulkangipfels. Danach wagen wir uns an den Abstieg. Mir ist jetzt schon schlecht, denn ich hab keine Ahnung, wie ich jemals an diesem Berg runter kommen soll. Wir sind völlig fertig, total übermüdet und es ist schweinekalt. Wenigstens brauchen wir nun die Lampen nicht mehr – dafür sehen wir jetzt erstmal, was wir eigentlich alles hochgekraxelt sind. Wir sind uns einig: hätten wir das alles beim Aufstieg gesehen – wir hätten’s vermutlich nicht bis oben geschafft.

Tempel auf dem GipfelAbstieg 3Könnt ihr die kleinen Menschen auf dem folgenden Bild erkennen? Abstieg Abstieg 2

10:00 Uhr
Unsere Beine sind weich wie Wackelpudding. Da der Abstieg so steil ist, muss man ständig mit den Füßen abbremsen. Den einen tun die Zehen weh, die anderen haben sich die Hacken aufgerubbelt. Ich kann nicht mehr behaupten, dass ich die Bewegungen meiner Füße kontrollieren kann. Es fühlt sich an, als wäre ich die Puppe eines Puppenspielers. Ein Glück reicht mir unser Guide regelmäßig seine Hand als Stütze – ansonsten wäre ich so einige Male böse auf dem rutschigen Untergrund ausgerutscht.

Blick auf die anderen Vulkane Blick beim AbstiegEin Deutscher aus einer anderen Reisegruppe hat sich beim Abstieg den Knöchel verstaucht – aber wir sind hier ja nicht in den Alpen. Da kam kein Rettungshubschrauber. Der arme Kerl hat nen großen Stock in die Hand bekomme und ist 4 Stunden lang den Berg runter gehumpelt. Er hatte unser aller Hochachtung.

12:00 Uhr
Wir sind endlich wieder im Hotel. Die anderen Gäste von Joe’s Diving sitzen grad beim Mittag und wollen unbedingt wie’s denn war… Toll war’s. Und beeindruckend. Und anstrengend – wir gehen dann erstmal ins Bett… 😉

Mein Fazit zur Tour auf den Gunung Agung:
Eine Tour zum höchsten Vulkan Balis ist eine absolut einzigartige Erfahrung. Ich bin an meine Grenzen gestoßen und habe das Gefühl genießen können, meine eigenen Grenzen zu überwinden. Dafür wurde ich mit einem wunderschönen Sonnenaufgang belohnt.
Dennoch würde ich die Tour für Flachland-Indianer wie uns nicht empfehlen. Geübte Bergsteiger finden diese Tour vermutlich nur halb so schlimm, wie von mir beschrieben. Aber so als jemand, der sonst nur in sehr seltenen Ausnahmefällen wandern geht, ist diese Tour eigentlich viel zu gefährlich.

Blick vom Tempel zum Gipfel
Blick vom Tempel Pura Pasar Agung zum Gipfel

Für alle, die diese Tour dennoch unbedingt und auf jeden Fall machen wollen, hier eine kleine Liste an wichtigen Dingen:

  • Local Guide – Denkt gar nicht erst dran: Ohne Local Guide sollte man diese Tour Nie, Niemals und auf gar keinen Fall machen. Die hat’s schon MIT Guide absolut in sich – ohne Guide ist sie einfach nur lebensgefährlich.
  • Gute Schuhe – Die sind ja eigentlich selbstverständlich bei so einer Tour. Gute – und vor allem  eingelaufene – Trekkingschuhe sind das Mindeste für diese Tour. Und nur, weil der Local Guide Gummistiefel trägt, heißt das noch lange nicht, dass ein Touri die Tour auch in FlipFlops überlebt. 😉 Ich hatte übrigens zusätzlich noch ein paar Pflaster für wunde Füße dabei, sicherlich eine meiner besten Ideen für diese Tour. 😉
  • Warme Sachen – Als wir los gelaufen sind, dacht ich noch, ich hätte zu viel eingepackt. Aber am Gipfel angekommen, hätte es dann doch gern noch ein dicker Pulli mehr sein können. Es lohnt sich die berüchtigte Zwiebeltechnik: lange Hose, T-Shirt, Pullover, Outdoorjacke UND (Achtung nicht vergessen!) eine Mütze! Da oben weht ein übler Wind – eure Ohren werden für die Mütze absolut dankbar sein.
  • Getränke – Wir hatten für zwei Personen dabei: 3l Wasser, 2 Dosen isotonisches Sportgetränk, 2 Dosen Eiskaffee (darum haben ums beim Abstieg alle beneidet ;-)). Oben am Gipfel gab es von unserem Guide außerdem noch heißen Tee und Kaffee. Wir haben alles gebraucht und restlos ausgetrunken.
  • Essen – Wir hatten dabei: 4 Sandwiches, einige Schoko- und Energieriegel. Vom Guide gab’s außerdem noch indonesischen Kuchen und Bananen.
  • Lampen – Wir hatten zwei kleine Tauchlampen dabei, die wir am Handgelenk befestigen konnten. Besser geeignet sind Stirnlampen, da man so die Hände zum Klettern frei hat. Am besten ihr fragt einfach beim Buchen der Tour, ob Lampen schon dabei sind – in anderen Gruppen haben wir einige Leute mit Stirnlampen gesichtet.

 Wie steht es mit euch? Würdet ihr die Tour machen, oder lieber nicht?

Karina

Karina

Karina ist 30 Jahre alt und lebt in Leipzig.
Tauchen, Reisen und Bloggen sind ihre großen Leidenschaften. Wann immer es möglich ist, erkundet sie die Welt und berichtet auf Zauberhaftes Anderswo von ihren zahlreichen Erlebnissen.
Karina

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